
Das Insektensterben gehört zu den sichtbarsten Biodiversitätsproblemen in Deutschland. Besonders eindrucksvoll ist dabei nicht nur der Rückgang einzelner Arten, sondern die Frage nach der gesamten Biomasse: Wie viel „Insektenmasse“ ist aus unserer Landschaft verschwunden?
Eine Zahl sorgt dabei seit Jahren für Aufmerksamkeit: In einer viel beachteten Langzeituntersuchung ging die Biomasse fliegender Insekten in 63 deutschen Schutzgebieten zwischen 1989 und 2016 um rund 76 Prozent zurück. Im Hochsommer lag der Rückgang sogar bei etwa 82 Prozent.
Doch was bedeutet diese Zahl genau? Und lässt sich daraus tatsächlich ableiten, wie viele Tonnen Insekten Deutschland heute fehlen?
76 Prozent weniger Insektenbiomasse: Die wichtigste Zahl
Die sogenannte Krefeld-Studie wurde 2017 in PLOS ONE veröffentlicht. Wissenschaftler werteten standardisierte Fangdaten des Entomologischen Vereins Krefeld aus.
Untersucht wurden Malaisefallen an 63 Standorten in deutschen Naturschutzgebieten. Die Daten umfassten den Zeitraum von 1989 bis 2016. Insgesamt flossen 96 Standort-Jahr-Kombinationen in die Analyse ein.
Das Ergebnis:
- 76,7 Prozent Rückgang der saisonal gewichteten Biomasse
- etwa 81,6 Prozent Rückgang im Hochsommer
- Untersuchungszeitraum: 27 Jahre
- Untersuchungsgebiet: 63 Schutzgebiete
- durchschnittlicher modellierter jährlicher Rückgang: rund 6,1 Prozent
Die Forscher fanden damit keinen kleinen statistischen Effekt, sondern eine massive Veränderung der Menge fliegender Insekten.
Aber wie viele Tonnen fehlen Deutschland?
Hier liegt eine wichtige Grenze der bekannten 75-Prozent-Zahl.
Eine seriöse Zahl für die insgesamt in Deutschland fehlende Insektenbiomasse gibt es derzeit nicht.
Die Krefeld-Studie hat keine bundesweite Gesamtmasse aller Insekten ermittelt. Sie untersuchte die Biomasse fliegender Insekten an ausgewählten Standorten mit standardisierten Fallen.
Deshalb wäre es wissenschaftlich falsch, aus den 76 Prozent beispielsweise abzuleiten, dass Deutschland eine bestimmte Zahl von Millionen Tonnen Insekten verloren habe.
Was man dagegen sagen kann: An den untersuchten Standorten war die Menge der mit den standardisierten Fallen erfassten fliegenden Insekten im Untersuchungszeitraum dramatisch zurückgegangen.
Das Bundesamt für Naturschutz weist ebenfalls darauf hin, dass Deutschland bislang keine bundesweit repräsentative Langzeit-Datenbasis besitzt, mit der sich die Entwicklung der gesamten Insektenfauna zuverlässig quantifizieren lässt. Genau diese Datenlücke soll durch das inzwischen entwickelte bundesweite Insektenmonitoring geschlossen werden.
Was bedeutet „Biomasse“ überhaupt?
Biomasse bezeichnet in diesem Zusammenhang die Gesamtmasse der gefangenen Insekten.
Das ist etwas anderes als die Zahl der Tiere.
100 kleine Mücken können beispielsweise weniger wiegen als wenige große Käfer. Deshalb kann die Biomasse eine zusätzliche Perspektive liefern: Sie beschreibt nicht nur, wie viele Individuen vorhanden sind, sondern auch, wie viel tierische Substanz tatsächlich im Ökosystem vorhanden ist.
Für Vögel, Fledermäuse, Amphibien und andere Insektenfresser ist diese Größe besonders interessant. Sinkt die verfügbare Insektenbiomasse, kann sich dadurch die Nahrungsgrundlage innerhalb eines Ökosystems verändern.
Von 100 Prozent auf 24 Prozent
Um den 76-Prozent-Rückgang anschaulich zu machen, hilft ein einfaches Gedankenexperiment.
Angenommen, eine standardisierte Falle hätte unter vergleichbaren Bedingungen im Ausgangsjahr eine relative Biomasse von 100 Einheiten erfasst.
Ein Rückgang um 76,7 Prozent bedeutet, dass im Vergleichszeitraum rechnerisch nur noch rund:
23,3 Einheiten
übrig wären.
Das ist allerdings eine relative Darstellung und keine Aussage darüber, dass tatsächlich überall in Deutschland genau 23 Prozent der ursprünglichen Insektenbiomasse vorhanden sind.
Gerade diese Unterscheidung ist für die Interpretation der Krefeld-Daten entscheidend.
Der Rückgang betrifft nicht nur einzelne Insektenarten
Ein wesentlicher Punkt der Untersuchung ist, dass die Forscher die Gesamtbiomasse fliegender Insekten betrachteten.
Damit ging es nicht ausschließlich um Schmetterlinge, Wildbienen oder Käfer. Die Malaisefallen erfassten eine breite Gruppe flugaktiver Insekten.
Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass der Rückgang über verschiedene untersuchte Lebensraumtypen hinweg sichtbar war. Die Autoren konnten Veränderungen bei Wetter, Landnutzung und Habitatmerkmalen in ihrer Modellierung nicht als alleinige Erklärung für den beobachteten allgemeinen Trend identifizieren.
Das bedeutet allerdings nicht, dass eine einzige Ursache für das Insektensterben gefunden wurde.
Warum verschwinden Insekten?
Das Insektensterben ist kein monokausales Problem. Verschiedene Faktoren können sich gegenseitig verstärken.
Zu den häufig diskutierten Ursachen gehören:
- Verlust und Zerschneidung geeigneter Lebensräume
- intensive landwirtschaftliche Nutzung
- Rückgang blütenreicher Flächen
- Pestizide und andere Pflanzenschutzmittel
- Düngung und Eutrophierung
- Lichtverschmutzung
- Flächenversiegelung
- Veränderungen des Klimas
- häufigere Extremwetterereignisse
- Rückgang geeigneter Nahrungspflanzen
Welche Faktoren bei welcher Insektengruppe und in welcher Landschaft besonders wichtig sind, kann jedoch unterschiedlich sein.
Die Krefeld-Studie war vor allem eine Trendanalyse. Sie zeigt sehr deutlich, dass die Biomasse zurückging, sie liefert aber keine vollständige Erklärung dafür, warum dieser Rückgang stattgefunden hat. Auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen weist darauf hin, dass die Ergebnisse nicht pauschal auf alle Landschaften und Landnutzungsformen übertragen werden können.
42 Prozent der bewerteten Insektenarten gefährdet
Nicht nur die Biomasse bereitet Sorgen.
Nach Angaben des Bundesumweltministeriums stehen in Deutschland 42 Prozent der bisher bewerteten Insektenarten auf der Roten Liste in einer Kategorie von bestandsgefährdet, extrem selten, ausgestorben oder verschollen.
Damit zeigt sich ein zweites Problem: Selbst wenn die Gesamtbiomasse einer Region stabil bliebe, könnte gleichzeitig die Artenzusammensetzung dramatisch verändert werden.
Ein Ökosystem mit vielen Individuen weniger häufiger Arten ist ökologisch nicht dasselbe wie ein artenreiches System mit zahlreichen spezialisierten Insekten.
Warum Insektenbiomasse für die Natur so wichtig ist
Insekten übernehmen zahlreiche Funktionen in Ökosystemen.
Bestäubung
Wildbienen, Schwebfliegen, Käfer, Schmetterlinge und andere Insekten übertragen Pollen und ermöglichen damit die Fortpflanzung vieler Pflanzen.
Nahrungskette
Insekten sind eine zentrale Nahrungsquelle für zahlreiche Vögel, Fledermäuse, Amphibien und andere Tiere.
Zersetzung
Viele Insekten sind an der Zersetzung organischer Substanz beteiligt und helfen dabei, Nährstoffe im Ökosystem umzusetzen.
Boden und Pflanzen
Larven und andere Bodenorganismen beeinflussen Bodenprozesse und tragen zur biologischen Aktivität von Böden bei.
Der Verlust von Insektenbiomasse betrifft deshalb nicht nur die Insekten selbst. Er kann Auswirkungen auf ganze Nahrungsnetze und Ökosystemfunktionen haben.
Warum die 75-Prozent-Zahl nicht für jeden Garten gilt
Eine häufige Fehlinterpretation lautet: „In Deutschland gibt es heute 75 Prozent weniger Insekten als 1989.“
So pauschal lässt sich das nicht sagen.
Die Studie untersuchte bestimmte Schutzgebiete und fliegende Insekten, die mit einer bestimmten Fangmethode erfasst wurden. Sie war weder eine Volkszählung sämtlicher Insekten Deutschlands noch eine Untersuchung aller Lebensräume.
Auch das Bundesamt für Naturschutz betont, dass zwar zahlreiche Studien Rückgänge bei Artenvielfalt und Häufigkeit verschiedener Insektengruppen dokumentieren, gleichzeitig aber bundesweit repräsentative Langzeitdaten fehlen.
Die 76-Prozent-Zahl ist deshalb am besten als Messwert für einen bestimmten Untersuchungsdatensatz zu verstehen – nicht als exakte Verlustquote für jedes deutsche Grundstück.
Was hat sich seit der Krefeld-Studie getan?
Die Debatte hat seit 2017 zu einem stärkeren Fokus auf systematisches Insektenmonitoring geführt.
Das Bundesamt für Naturschutz entwickelt ein bundesweites Monitoring, mit dem häufige und seltene Insekten systematisch und regelmäßig erfasst werden sollen. Ziel sind bundesweit belastbare Aussagen über Zustand und langfristige Entwicklung der Insektenfauna.
2025 veröffentlichte das BfN außerdem ein umfangreiches Methodenhandbuch für das bundesweite Insektenmonitoring. Darin werden standardisierte Erfassungsmethoden, Stichprobenkonzepte und verschiedene Monitoring-Bausteine beschrieben.
Das ist für die kommenden Jahre besonders wichtig: Erst mit langfristig standardisierten Daten lässt sich besser bestimmen, wie sich Insektenbestände in unterschiedlichen Regionen und Lebensräumen tatsächlich entwickeln.
Die wichtigste Kennzahl für 2026
Für 2026 lautet die wissenschaftlich saubere Zusammenfassung deshalb nicht:
„Deutschland hat 76 Prozent seiner Insekten verloren.“
Sondern:
„In einer großen Langzeituntersuchung deutscher Schutzgebiete wurde zwischen 1989 und 2016 ein Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um rund 76 Prozent festgestellt.“
Diese Formulierung ist weniger spektakulär, aber wesentlich genauer.
Gleichzeitig zeigen weitere Untersuchungen und die Roten Listen, dass der Rückgang von Insektenarten und -beständen in Deutschland ein breiteres Problem darstellt. Das BfN sieht weiterhin einen erheblichen Bedarf an systematischen Langzeitdaten.
Fazit: Es fehlt nicht nur eine Zahl, sondern ein ganzes Stück Ökosystem
Das Insektensterben lässt sich nicht seriös auf eine einzige bundesweite Tonnenzahl reduzieren. Dafür fehlt bislang eine repräsentative Langzeitmessung der gesamten deutschen Insektenbiomasse.
Die vorhandenen Daten sind trotzdem alarmierend: Die Krefeld-Auswertung dokumentierte zwischen 1989 und 2016 einen Rückgang der fliegenden Insektenbiomasse um 76,7 Prozent, im Hochsommer sogar um rund 81,6 Prozent.
2026 ist deshalb weniger die Frage entscheidend, ob es „das Insektensterben“ überhaupt gibt. Die wissenschaftlich wichtigere Frage lautet inzwischen: Wie stark verändern sich die Bestände in welchen Regionen, Lebensräumen und Artengruppen – und welche Maßnahmen können den Trend umkehren?
Das geplante bundesweite Insektenmonitoring soll dafür in den kommenden Jahren eine deutlich bessere Datengrundlage schaffen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesumweltministerium: Was steht in der „Krefelder Studie“?
- PLOS ONE: More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass
- Bundesamt für Naturschutz: Insektenmonitoring in Deutschland
- BfN: Bundesweites Insektenmonitoring – Methodenhandbuch 2025
- Bundesamt für Naturschutz: Biodiversitätsverluste in FFH-Lebensraumtypen des Offenlandes